Grundlagenmusik

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ARGO: Essel, Hoffmann, Stett
Wunderlich, Rom
Audience

Connections
Experimentelle Musik
Stephan Wunderlich
René Bastian
Hans-Leo Rohleder
Rolf Langebartels
SKOP Frankfurt

Verein für experimentelle Musik Darmstadt

Performance "Zeitfalten Video I

(Hans Essel, 1994)

Der Initiator des Vereins für experimentelle Musik Darmstadt, Hans Essel, versteht unter "Zeitfalten" das Spiel mit der Überlagerung von Zeitebenen. Bisher realisierte er Zeitfalten mit Tonbandschleifen. Bei "Zeitfalten Messages III" kürzlich in Frankfurt spielte Essel zum Beispiel mit Morsesignalen aus einem Kurzwellenradio und einer Tonbandschleife von ca. 5 sec Dauer.  Im Sinne des experimentellen Arbeitens geht es dabei nicht um Effekte oder Ausprobieren von Techniken, sondern um die Untersuchung von Beziehungen zwischen dem soeben Aufgenommenen und dem in der Gegenwart Stattfindenden. Gleichzeitig wird die Veränderung von Klängen durch das fortwährende Aufnehmen und Abspielen verschärft und als wesentliche Charakeristik des Tonbands benutzt.

In der Performance "Video I" findet nun die Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart erstmals nicht nur akustisch, sondern durch wiederholte Videoaufzeichnung und gleichzeitige Projektion auch optisch statt. Der Spieler (Hans Essel, Bratsche) agiert im Bild-Ton-Raum eines Videoprojektors, der die vorangegangenen Aufzeichnungen abspielt: neue Aufzeichnungen, welche die vorhergehenden als Abbilder enthalten, entstehen. Dieser sich mehrmals wiederholende Prozess führt zu einer Füllung des Bild-Ton-Raumes. Der Spieler wird mit seinen "Vergangenheiten" konfrontiert und muß Stellung beziehen.

Essel, der bisher ausschließlich akustisch arbeitete, z.b. mit dem Improvisationsensemble ARGO oder bei "Zeitfalten" für Lifetonband und verschiedene Klangerzeuger, unternahm damit erste Schritte in ein anderes Medium. In der Kunstfabrik zeigte Essel die Überlagerung von Zeitebenen durch wiederholte Videoaufzeichnung und gleichzeitige Projektion. Der Spieler (Hans Essel, Bratsche) agiert im Bild-Ton-Raum eines Videoprojektors, der die vorangegangenen Aufzeichnungen abspielt: neue Aufzeichnungen, welche die vorhergehenden als Abbilder enthalten, entstehen.

Soweit die Präzision. Die Idee der vollständigen Durchschreitung eines Parameterraumes und der Tonfolgen ist präzise. Wo kommen also die Schwankungen her? Nun, die vorgeschriebenen Parameter sind Anweisungen an die Spieler. Diese Anweisungen sind so, daß ein Ergebnis nur angestrebt werden kann. Der Versuch dieser Annäherung ergibt eine ständige Bewegung im "Ton", also Schwankungen.

Die erste Phase bestand in der Aufnahme der weißen Projektionswand, auf der die Bratsche "in Ruheposition" befestigt war. In denfolgenden vier Durchgängen entfaltete Essel in jeweils neun episodenhaften Abschnitten verschiedene Handlungsmuster:

  1. Er durchquert, jeweils um 10 Sekunden versetzt, das Bild: Die Vergangenheit folgt der Zukunft.
  2. Im nächsten Bild geht die Gegenwart aus der Vergangenheit hervor. Zunächst stehen alle vier Personen am gleichen Ort, die "älteste" spielt einen Dauerton. Dann treten nacheinander die folgenden etwas zur Seite und spielen einen etwas abweichenden Ton.
  3. In jedem Durchgang wechselt der Spieler seinen Ort und spielt einen kurzen Ton. In der Überlagerung ergibt sich optisch und akustisch ein zufällig entstandenes Gewebe.
  4. Eine optische Figur wird von Durchgang zu Durchgang aufgebaut. Ein Satz bildet sich. Vergangenheit und Gegenwart wirken zusammen.
  5. cont
  6. Vier Durchgänge ohne Bezug aufeinander (1. Melodietravestie, 2. tonloses Spiel, 3. Geräuschspiel, 4. Klangspiel, alle in freier Bewegung). Zufällige Überlagerung.
  7. Synchrone optische und akustische Bewegungsfigur, in vier Durchgängen aufgebaut.
  8. Achtstimmiger stehender Akkord an festen Positionen.
  9. Diskussionsgestik.

Die vier Durchgänge führen zu einer Füllung des Bild-Ton-Raumes. Der Spieler wird mit seinen "Vergangenheiten" konfrontiert und muß Stellung beziehen.Er kann die Vergangenheit ignorieren oder auf sie reagieren. Er kann für die Zukunft agieren oder nur in der Gegenwart. Durch die mehrfache Aufnahme und Wiedergabe wird der Bildraum verengt. Die Ränder werden zunehmend schwarz. Die reale Person kann am Rand zwar noch vom Betrachter wahrgenommen werden, aber die Kamera "sieht" ihn nicht mehr. Die Abbilder der Person werden von Mal zu Mal unschärfer und blasser.

Das Klangmaterial, von der Videokamera mitaufgenommen und vom Projektor über Lautsprecher abgespielt, wird zunehmend morbider. Im fünften und letzten Durchgang wird der Projektion nichts mehr hinzugefügt, der Spieler sitzt als Anker der Realität im Bild. Die reale Person (die Gegenwart) bleibt zwar immer qualitativ von den Bildern (der Vergangenheit) getrennt, aber auch unlösbar verbunden.Obwohl automatisch von der ganzen Performance eine Videoaufzeichnung existiert, kann diese nicht gezeigt werden, da die reale Person fehlen würde. Das wesentliche Spannungsfeld zwischen Realität und Videoaufzeichnung ginge verloren.

Bildüberlagerung, Überschneidungen, Transparenz.

In der folgenden kontroversen Diskussion wurde einerseits kritisiert, daß das Medium Fernsehen nicht kritisch genug behandelt würde, andererseits zeigten sich viele von der besonderen Ästhetik der Bildüberlagerungen sehr beeindruckt. Essel erklärte, daß es wesentlich zum Konzept sei, Mängel in der Technik nicht zu minimieren, sondern sie durch Akkumulation zu verschärfen.