Grundlagenmusik

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ARGO: Essel, Hoffmann, Stett
Wunderlich, Rom
Audience

Connections
Experimentelle Musik
Stephan Wunderlich
René Bastian
Hans-Leo Rohleder
Rolf Langebartels
SKOP Frankfurt

Verein für experimentelle Musik Darmstadt

Zeit wird spürbar - Platz für Gedanken

(Hans Essel, 1993)

Die Frage nach der experimentellen Musik läßt sich zwar theoretisch beantworten, weil es hier nicht um irgendwelche Effekte geht, sondern um grundsätzliche Fragen von Musik, Kunst und Kultur, aber letztlich kann sie nur durch Realisation geklärt werden. Das Experiment dient der Wahrheitsfindung, und diese hat in der Kunst als erstes mit Wahrnehmung zu tun.

Experirnentelle Musik in der Kunstfabrik: Mit neuen Ausdrucksmitteln auf neuen Wegen. Der Verein für experimentelle Musik Darmstadt versucht, durch Konzerte und Gespräche Raum für experimentelle Musik zu schaffen. Auch bei der letzten Reihe ,,Gedankengänge II" konnte man in der Arheilger Kunstfabrtk exemplarisch experimentelle Musik erfahren.

Sequenzen-Projekt

Stephan Wunderlichs "Sequenzen-Projekt" ist eine sehr eigenartige Komposition. Sie läßt sich zum Beispiel nicht wiederholen, da sie kein Ende hat. Beginnend im Februar 1988 definiert eine Zeitstruktur die Sequenzen. Natürlich können nur wenige Sequenzen realisiert werden, wie mit sechs Sequenzen am 24. September in der Kunstfabrik geschehen.

Jede Sequenz wird von nur einem Spieler gespielt. Sie enthält ebenfalls eine Zeitstruktur, realisiert durch den Wechsel von Spiel und Pause. Der Spieler erhält für seine individuelle Sequenz eine Spielanweisung, der er nur annäherungsweise gerecht werden kann. Er bewegt sich also ständig zwischen Gelingen und Scheitern.

Gespielt werden können alle Instrumente, Lautsprecher. Schrittfolgen, Licht. Wie nimmt man das als Hörer wahr? Die Spieler stehen im Raum verteilt. Ein Spieler beginnt. Und eins kommt nach dem anderen - ohne Vermischung. Die Aktionen sind spröde, da äußerst konzentriert, Zeit wird spürbar. Es fällt schwer, einen solch langsamen Rhythmus zu akzeptieren. Gelassene Wahrnehmung muß erst entwickelt werden. Ton erschließt sich, es bleibt Platz für Gedanken.

Phren-Ensemble

Geradezu konträr dazu die Arbeit des Phren-Ensembles. Sein Leiter Michael Kopfermann entwickelt seit bald dreißig Jahren eine eigene Tontheorie, die zur Verwendung präparierter Instrumente führte. In der Kunstfabrik spielten Michael Kopfermann eine Viola, Inge Salcher ein Cello alto und George Augusta ein Basetto.

Obwohl jeder »PHREN-Ton« eine außerordentliche, innere Dynamik besitzt, die über konventionelle Parameter weit hinausgeht, benötigt er mindestens einen zweiten Ton "in der Nähe", um gemessen werden zu können. Dies ganz im Gegensatz zu Wunderlichs Sequenzen und zu Cage, der dem einzelnen Ton Selbstgenügsamkeit zuschrieb. Kopfermann strebt in Fortführung von Ideen Schönbergs und Weberns danach, den von ihm erweiterten Klangraum an allen ,,Orten" kompositorisch besetzen zu können.

Komposition läßt sich hierbei nur in improvisierender Annäherung bei permanenter Analyse und durch jahrelanges Zusammenspiel anstreben. Die Musik klingt einerseits archaisch eruptiv, durchaus expressiv, mal verhalten klagend zart, dann wieder dynamisch rasant, ist aber andererseits äußerst reflektiert. Inwieweit auf diesem Wege Komposition erreichbar sein wird und was diese dann bedeuten könnte, blieb allerdings auch in der Diskussion noch etwas unklar.

Hans Rudolf Zeller

Ein ganz anderes Feld bearbeitet der Musiktheoretiker und Autor mehrdirnensionaler Kompositionen Hans Rudolf Zeller. Er verwendet Overheadprojektoren, um Interaktionen zwischen Denken, Sprechen und Schreiben zu visualisieren.

Zeller benutzt die Schreibfläche zur Auseinandersetzung mit Schrift und Gedanke. Duktus der Handschrift und Gestik korrespondieren mit Sprech- und Hörfiguren. Diese eher intimen expressiven Vorgänge werden durch die Projektion ,,veröffentlicht". Da die Folie frei bewegt werden kann, läßt sich das Tempo der Aktion furios steigern. In ,,Janein" mutiert der Schreibgestus nach und nach ein ,,Janein" in ein resignierendes ,,Naja". ,,Lesefigur" verbindet gesprochene Bruchstücke gelesener Texte über gedankliche Reflexion mit Notationen. In einer Zugabe entwickelte Zeller aus "Marx" den ,,Markt", verschlüsselt durch fast unleserliche Schriftzüge, was den Witz vor der Banalität rettete.

Ulisse 2000

Im letzten Konzert zeigte der Darmstädter Künstler Hans Leo Rohleder seine neueste Videoarbeit ,,Ulisse 2000". Rohleder mischt live Videoeingänge (Fernsehprogramm. Videofilm und Tongenerator) und projiziert das Ergebnis drei mal vier Meter groß an die Wand.

Vor der Wand agierten Norbert Koczorskl und Christoph Nuppenau zwanglos und friedlich mit Videospielen an zwei kleinen Fernsehern: Wohnzimmeratmosphäre gefangen in der Videobilderwelt. Bald wird man durch die betörenden Bilder gefangen. Der Text wandert durch das Bild und fließt zur Seite, das schwarz-weiße Live-Bild wird durch das farbige Video überlagert. Die Scheinrealität der Fernsehbilderwelt wird auf sich zurückgeführt.

Rohleder gelang eine der seltenen Arbeiten, bei denen das Medium Fernsehen durch künstlerische Bearbeitung einer neuen Qualität weichen muß.

Die Utopie und die Hoffnung, außerhalb des Kulturgeschäfts frei von Kommerz- und Infotainmentzwängen unverbrauchte geistige Ausdrucksmittel entwickeln zu können, erhielt hoffentlich durch diese Reihe weiteren Auftrieb.